Theologische Überlegungen

Vielfältig wird heute nicht nur konsumiert sondern auch gefastet. Vom Gesundheitsfasten über den zeitweiligen Verzicht auf Telekommunikationsmittel bis hin zum Autofasten ist uns vieles in den letzten Jahren vertraut geworden. Und wie steht es um den „Klassiker“ Fleischfasten?

Eine Katholikin, einen Katholiken erkannte man bis vor 50 Jahren daran, dass er am Sonntag in die Kirche ging und am Freitag kein Fleisch aß. Fixe Regeln geben Halt und schaffen Identität. Manchmal werden sie aber innerlich hohl, wenn das äußere Tun mit der inneren Einstellung nicht mehr zusammen stimmt. So hat sich die Kirche im und nach dem 2. Vatikanischen Konzil  vorgenommen vielen Regeln und Bräuchen auf den Grund zu gehen und sie in einer heutigen Form neu grundzulegen. In Bezug auf das Freitagsfasten hat die Kirche gesagt, dass nicht allein und zuerst der Fleischverzicht gefordert ist sondern ein angemessenes Werk der Barmherzigkeit.

Fasten ist ein allgemein religiöses Phänomen und hat verschiedene Motive. Ursprünglich waren es meist kultische und asketische Aspekte, die im Vordergrund standen und eine innere Reinigung und ein neue Ausrichtung auf Gott bewirken sollten.

Die frühe Kirche übernahm aus der Praxis des Judentums zwei Fasttage pro Woche und gab ihnen einen neuen Inhalt. Es wurde am Mittwoch gefastet in Erinnerung an die Gefangennahme Jesu und am Freitag in Erinnerung an den Tod Jesu. Somit war der Gedanke der Solidarität, des Mitfühlens und Mitleidens immer in der christlichen Fastenpraxis da.

Schon im 1. Testament vor allem bei den Propheten gibt es neben einer allgemeinen Kultkritik immer auch eine kritische Einstellung gegenüber dem Fasten. Eine markante Stelle ist im Buch Jesaja im Kapitel 58 zu finden. Nach der Kritik an einer wirkungslosen kultischen Fastenpraxis (Jes 58, 1-5), die die Ungerechtigkeit nicht eindämmt, ist eine ganz andere Praxis des Fastens angesagt. Gott wird in prophetischer Weise folgender Spruch in den Mund gelegt:

Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe; die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.(Jes 58, 6-7)

Die Kirche und unsere Gesellschaft kennen den sozialen und politischen Aspekt des Fastens bis hin zum gewaltlosen Widerstand. Fleischfasten kann für uns als Kirche eine sehr aktuelle solidarische Form der Nächstenliebe sein. Nicht asketische, oder gar kultische Gründe motivieren uns heute zum Fleischverzicht, sondern das Wissen und die Erfahrung, dass ein zügelloser Fleischkonsum vielen Menschen in den armen Ländern des Südens die Existenzgrundlage, Grund und Boden streitig macht. Billiges Fleisch ist ungerecht, weil es die bäuerliche Landwirtschaft auch bei uns beeinträchtigt. Billiges Fleisch verlockt, zu viel zu konsumieren und daher immer mehr produzieren zu müssen, damit es sich noch lohnt. Dadurch entstehen Überschüsse, die im Inland nicht abgesetzt werden können und – durch Subventionen gestützt – exportiert werden. Das viele billige Fleisch ist auch deshalb ungerecht, weil es nur unter unwürdigen Bedingungen in Tierfabriken produziert und industrieähnlich verarbeitet werden kann.

Wenn wir es als Getaufte neu lernen in Solidarität mit den Armen unseren Fleischkonsum einzuschränken, dann lösen wir die Fesseln des Unrechts, dann teilen wir Grund und Boden und die Ressourcen dieser Erde, die allen geschenkt sind und nicht nur einer Minderheit in den Industrieländern des Westens. Fleischfasten ist nicht ein Brauch von vorgestern sondern ein Zukunftsmodell für eine gerechtere Welt. Fleischfasten richtet unsere Aufmerksamkeit auf die leidenden und entrechteten Brüder und Schwestern in vielen Teilen der Welt. Sie sind es die uns einen neuen Zugang zu Jesus Christus eröffnen können und zu seinem Lebensprogramm vom Reich Gottes. Gerecht leben – Fleisch fasten ist eine Möglichkeit, wie wir die Freude des Evangeliums neu finden können.

Wolfgang Schwarz





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